Achtsamkeit üben und Resilienz stärken im Alltag

Im Meeting funktionieren, zuhause präsent sein, dabei gesund bleiben und sich selbst nicht vergessen. Das klingt nach einem Plan, fühlt sich im Alltag aber oft nach einem Drahtseilakt an. Im Interview erklärt Achtsamkeitsexpertin Lisa Rehorst, was Achtsamkeit und Resilienz wirklich bedeuten, warum das eine ohne das andere nicht funktioniert und welche konkreten Übungen Ihnen helfen, mehr Selbstfürsorge in Ihren Alltag zu bringen.

David Bläsing
Veröffentlicht am 01.09.2026
8 Min. Lesezeit
  • Achtsamkeit bedeutet, den Moment wahrzunehmen, ohne ihn zu bewerten.
  • Resilienz ist psychische Widerstandskraft, die sich trainieren lässt.
  • Achtsamkeit ist die Basis, auf der Resilienz wächst.
  • Selbstfürsorge ist kein To-do, sondern eine Haltung.
  • Kleine, regelmäßige Übungen wirken mehr als gelegentliche große Auszeiten.

Zwischen Wickeltisch und Meeting: Der innere Kopfspagat

Super im Job sein, dabei aufmerksam, topfit und geduldig zuhause. Frisch kochen, Sport treiben, für Freunde und Familie da sein und sich dabei selbst nicht vergessen. Diese Erwartungen kennen viele, egal ob im Berufsalltag oder im Privaten.

Im Job heißt das: vollen Einsatz zeigen, aber klare Grenzen setzen. In der Familie: das Kind fördern, ihm aber auch Freiraum lassen. Täglich tragen Beruf und Alltag unzählige, teils unerreichbare Ansprüche an uns heran. In unserer sich rasant verändernden Welt sind wir zudem dem steten Vergleich durch Social Media, Werbung und dem sozialen Umfeld ausgesetzt. 

Das überforderte Ich

Eigentlich sollen wir alles gleichzeitig können und sein und dabei so gut für uns selbst sorgen, dass wir all diesen Anforderungen entspannt gerecht werden. Vor allem jungen Menschen verlangt die sich verändernde Gesellschaft außerordentlich viel ab. Aber wie soll das alles gehen?

„Achtsamkeit bedeutet, sowohl innere Regungen als auch äußere Reize bewusst wahrzunehmen – und zwar völlig wertungsfrei.“ Unser Alltag ist geprägt von ständigen Anforderungen und digitalen Impulsen. Erst diese umfassende Wahrnehmung ermöglicht es uns, innezuhalten. Wenn wir uns diese Dynamik bewusst machen, entsteht Raum für echte Selbstfürsorge. So entscheiden wir selbst, wie wir den Anforderungen begegnen. Allein dieses Gewahrsein ist der entscheidende Schritt.“

Lisa Rehorst

Personalentwicklerin

Lisa Rehorst ist seit 2024 als Personalentwicklerin bei SIGNAL IDUNA tätig. Als Beraterin und ehemalige Führungskraft besitzt sie langjährige Erfahrung in der Begleitung von Menschen durch berufliche Veränderungen und Umbruchphasen. Heute unterstützt sie insbesondere Führungskräfte bei ihrer Weiterentwicklung. Als zertifizierte MBSR-Lehrerin (Mindfulness-Based Stress Reduction) verbindet sie ihre fundierte Praxis im Konzernumfeld mit praxiserprobten Ansätzen der Stressbewältigung im Alltag.

Resilienz als Schutzschild

Rehorst ist überzeugt: Gefühle der Überforderung sind angesichts der vielen alltäglichen Ansprüche völlig natürlich. Das Gegenmittel ist nicht noch mehr Selbstdisziplin. Es geht vielmehr darum, eine resiliente innere Haltung zu kultivieren. Sie hält uns auch unter anhaltendem Druck flexibel und stabil.

Warum Achtsamkeit das Fundament Ihrer Resilienz ist

Achtsamkeit und Resilienz werden oft in einem Atemzug genannt. Dabei sind es recht unterschiedliche Konzepte. Wer beide verstehen will, muss bei der Achtsamkeit beginnen.

Achtsamkeit beschreibt eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit: Wer achtsam ist, befindet sich bewusst im gegenwärtigen Augenblick und nimmt sich und seine Umgebung wahr, ohne zu werten oder sich an einem bestimmten Gedanken oder einer einzelnen Wahrnehmung festzuhalten.

So definierte es der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn, der die Achtsamkeitspraxis in den 1970er-Jahren in der westlichen Medizin etablierte und das MBSR-Programm entwickelte. Kabat-Zinn geht es weniger darum, Probleme zu lösen oder Gedanken endlich zu Ende zu denken. Vielmehr geht es in der Achtsamkeitspraxis darum, wahrzunehmen, was ist.

Rückschlägen mit Zuversicht begegnen

Lisa Rehorst formuliert es so: „Resilienz ist ein innerer Zustand, kein rein theoretisches Konzept. Um diese Widerstandskraft im Alltag spürbar zu machen, setze ich bei der Achtsamkeit an. Achtsamkeit bedeutet, das Hier und Jetzt bewusst wahrzunehmen, ohne es sofort zu bewerten oder verändern zu wollen. Dieses wertungsfreie Gewahrsein ist das Fundament, auf dem echte Resilienz wächst. Sie stärkt unsere innere Balance und macht uns nachhaltig zukunftsfähig.“

Resilienz ist die psychische Widerstandskraft; die Fähigkeit, nach Belastungen, Rückschlägen und Krisen wieder ins Gleichgewicht zu kommen und sich weiterzuentwickeln. Laut Bundesministerium für Gesundheit ist Resilienz keine angeborene Eigenschaft. Wir können die Fähigkeit zur Resilienz also trainieren und auch später im Leben noch entwickeln (Quelle: gesund.bund.de, Stand Januar 2026). Sie hängt von inneren Einstellungen wie Zuversicht und Selbstwirksamkeit ab, aber auch von stabilen sozialen Beziehungen und dem persönlichen Umfeld.

Es beginnt mit Achtsamkeit

Achtsamkeit und Resilienz sind eng verbunden. Lisa Rehorst erklärt diesen Zusammenhang so: „Achtsamkeit ist der erste Schritt. Um widerstandsfähig in Bezug auf Belastungen, also resilient, zu sein, müssen diese Belastungen erstmal wahrgenommen werden. Was ist der Auslöser für meine Belastung? Wie reagiere ich darauf? Es geht nicht darum, immer sofort gegenzusteuern, sondern einen guten Umgang damit zu finden.“

Vom Wollen zum Können: Wie Selbstfürsorge praktisch wird

Viele Menschen wissen, dass sie besser auf sich achten sollten. Doch zwischen dem Wissen und dem Handeln liegt, wie so oft, ein Graben. Das liegt meist daran, dass wir Selbstfürsorge als ein weiteres To-do auf unserer ohnehin vollen Liste sehen – als etwas, das Kraft und Disziplin kostet. Lisa Rehorst sieht das anders: „Selbstfürsorge ist die logische Folge von Achtsamkeit. Erst die Achtsamkeit ermöglicht es uns, unsere tatsächlichen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen. Selbstfürsorge ist dann das bewusste und fürsorgliche Eingehen auf diese Bedürfnisse.“

Gewohnheiten überdenken

Oft verharren wir stattdessen in unbewussten, fast schon selbstschädigenden Gewohnheiten. Ein klassisches Beispiel ist das stundenlange Scrollen auf dem Smartphone am Abend. „Hinter solchen Gewohnheiten steckt fast immer ein unbewusstes, eigentlich positives Bedürfnis, zum Beispiel nach Entspannung oder nach Verbindung zu anderen Menschen“, erklärt Rehorst. „Selbstfürsorge bedeutet, dieses eigentliche Bedürfnis zu entschlüsseln

Wer merkt, dass er eigentlich soziale Nähe sucht, ruft lieber eine Freundin an, statt weiter ziellos zu scrollen. Wer Erschöpfung spürt, geht schlafen. Selbstfürsorge hat nichts mit teuren Wellness-Wochenenden zu tun. Sie beginnt im Alltag: mit dem Erkennen des wahren Bedürfnisses hinter unserem Verhalten und einer hilfreichen Reaktion darauf.“

Dabei spielt Selbstmitgefühl eine zentrale Rolle. Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst gegenüber so verständnisvoll zu sein, wie man es einer guten Freundin gegenüber wäre. Wer sich für Fehler verurteilt oder Erschöpfung als Schwäche abtut, schwächt die eigene psychische Widerstandskraft.

Übungen für mehr Selbstmitgefühl führen uns strukturiert durch drei Schritte:

1

Wir nehmen achtsam wahr, was gerade schwer ist.

2

Wir machen uns bewusst, dass Scheitern und Schmerz zum Menschsein dazugehören und wir damit nicht allein sind.

3

Auf dieser Basis begegnen wir uns selbst mit Wohlwollen und Freundlichkeit.

Rehorst betont: „Wir können unsere Gefühle nicht einfach per Knopfdruck abschalten. Aber wir können lernen, freundlich mit uns umzugehen, wenn es uns mal nicht gut geht. Selbstmitgefühl bedeutet, die eigenen Grenzen zu akzeptieren und wohlwollend für sich selbst einzustehen. Das stärkt uns von innen heraus."

Ein Fundament für die Resilienz

Eine hilfreichere Betrachtung: Achtsamkeit und Selbstmitgefühl sind wie das Fundament und die schützenden Wände eines Hauses. Die Achtsamkeit zeigt uns ehrlich, wo es im Gebälk knarrt und wo wir Unterstützung brauchen. Das Selbstmitgefühl sorgt dafür, dass wir diesen Reparaturbedarf nicht als Scheitern werten, sondern uns fürsorglich darum kümmern. Zusammen bilden sie die stabile Basis, auf der eine belastbare Resilienz überhaupt erst entstehen kann. 

Achtsamkeitstraining: Drei Übungen für den Alltag, die wirklich funktionieren

Täglich eine Stunde zu meditieren, ist eine wertvolle Praxis. Für die meisten Menschen ist das im Alltag jedoch kaum realistisch. Viel entscheidender ist es, Achtsamkeit direkt in den normalen Tagesablauf zu integrieren. Schon kleine, bewusste Anpassungen entfalten hier eine große Wirkung.

Achtsamkeitsübung 1: Fokus maximieren, Ablenkung minimieren

„Wir werden im Alltag ohnehin abgelenkt – sei es durch unsere eigenen Gedanken oder Geräusche von außen“, erklärt Rehorst. „Umso wichtiger ist es, vermeidbare Ablenkungen gezielt zu minimieren. Wir müssen es uns selbst leichter machen, den Fokus zu behalten. Dazu gehört, Push-Benachrichtigungen konsequent auszuschalten. Auch den impulsiven, unbewussten Griff zum Smartphone sollten wir uns physisch erschweren. Wenn wir diese Hürden bewusst aufbauen, schützen wir unsere Aufmerksamkeit. Monotasking, also eine Sache mit voller Präsenz zu tun, ist die wirksamste Übung gegen digitalen Dauerstress.“ 

Achtsamkeitsübung 2: Bewusst essen

Wir können alltägliche Routinen nutzen, um aus dem Autopiloten auszusteigen. Jede Mahlzeit bietet dafür die perfekte Gelegenheit, ganz ohne zusätzlichen Zeitaufwand. „Es geht darum, den Autopiloten auszuschalten und die Wahrnehmung ganz auf den Moment zu richten“, erklärt Rehorst. „Das funktioniert bei jeder Mahlzeit. Nehmen Sie sich vor, zumindest den ersten Bissen ganz achtsam zu genießen. Ohne Smartphone, ohne Ablenkung. Achtsam essen heißt: bewusst sehen, riechen und schmecken. Diese sensorische Präsenz haben wir im Alltag oft verlernt. Sie bei einer täglichen Mahlzeit wiederzuentdecken, ist eine einfache und wirksame Übung.“

Achtsamkeitsübung 3: Drei Atemzüge vor dem Call

Ein typischer Arbeitstag ist oft eine Aneinanderreihung von Meetings. Ein bewusster Übergang zwischen den Terminen hilft dabei, die geistige Verbindung zu sich selbst nicht zu verlieren.

„Ein wirksamer Impuls ist es, unmittelbar vor dem Beitritt zu einem Online-Meeting kurz innezuhalten“, erklärt Rehorst. „Das ist ein Moment, um kurz durchzuatmen und nachzufühlen: Wie geht es mir gerade? Spüre ich bereits körperliche Anzeichen von Stress wie Verspannungen oder Kopfschmerzen? Dieses kurze Innehalten ermöglicht es uns, Belastungen frühzeitig am Tag zu bemerken und gegenzusteuern. Wer diese kleine Zäsur vor jedem Meeting nutzt, bleibt auch an dichten Arbeitstagen verlässlich bei sich.“

Die Basis stärken: Wie Achtsamkeit unsere Resilienz nährt

Resilienz ist kein Zustand, den wir von heute auf morgen beschließen oder direkt im Alltag „trainieren“ können. Sie ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses. Wer seine psychische Widerstandskraft stärken möchte, muss an den Grundlagen ansetzen: bei der täglichen Achtsamkeit und dem Umgang mit den eigenen Grenzen.

So unterstützen Sie diesen Prozess im Alltag:

Ein Marathon, kein Sprint: Umgang mit Rückschlägen

Wer Gewohnheiten ändern möchte, wird Tage erleben, an denen alte Muster zurückkehren. Lisa Rehorst erklärt, warum das neurobiologisch völlig normal ist: „Unser Gehirn liebt etablierte Pfade. Neue neuronale Bahnen müssen durch stetige Wiederholung mühsam gefestigt werden. Zudem reagiert das Umfeld oft irritiert, wenn wir plötzlich Grenzen setzen. Veränderung braucht Zeit und Geduld, nicht noch mehr Druck.“ Wer bemerkt, wieder im Autopiloten festzustecken, hat bereits den wichtigsten Schritt getan.

„Wir sind darauf ausgerichtet, produktiv zu sein“, so Rehorst. „Das ist prinzipiell auch positiv. Allerdings nehmen wir uns im Alltag oft viel zu wenige Pausen zum Innehalten und sind permanent abgelenkt.

Resilienz ist kein starrer Zustand. Unsere Widerstandskraft ist ein dynamisches System. Wenn wir erschöpft sind, steht uns dieses System weniger zur Verfügung. Gerade dann gilt es, sich nicht zu verurteilen, sondern den Ist-Zustand anzunehmen und geduldig dranzubleiben.

CyberHealth: Atemzüge gegen den Kopfspagat

In unserem Video zeigt Ihnen Nicole von unserem Kooperationspartner CyberHealth eine einfache Atemübung, mit der Sie im stressigen Alltag aus Job, Familie und Freizeit sofort innehalten können. Sie sind bei SIGNAL IDUNA krankenvollversichert? Dann können Sie über unsere Gesundheitswelt passende Gesundheitskurse entdecken und Ihren Wunschkurs ganz einfach buchen.

Fazit: Achtsamkeit und Resilienz als Basis der Selbstfürsorge

Achtsamkeit und Resilienz sind keine Luxusthemen für Zeiten, in denen alles ruhig läuft. Sie sind grundlegende Werkzeuge für alle, die im Alltag gefordert sind und dabei gesund und zukunftsfähig bleiben wollen.

Achtsamkeit schafft die unverzichtbare Grundlage: Sie hilft uns, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, bevor der Körper mit Erschöpfung reagiert. Resilienz baut als dynamische Widerstandskraft darauf auf: Sie ermöglicht es uns, nach Belastungen wieder ins Gleichgewicht zu finden. Selbstfürsorge ist die tragende Haltung dahinter – die bewusste Entscheidung, die eigenen Grenzen zu achten.

Der Weg dorthin erfordert keine Perfektion, sondern Beständigkeit im Kleinen: ein kurzes Innehalten vor dem nächsten Online-Meeting, eine Mahlzeit ohne Bildschirm oder der dankbare Rückblick am Abend. Jeder dieser bewussten Momente ist eine wertvolle Investition in die eigene innere Stabilität. Und jeder noch so kleine Schritt zählt.